COLLAGEN

COLLAGEN

     
     
     

 

 

Adam Seide

Martina Kügler, Collagen

 

Seit einem dreiviertel Jahrhundert ist es ein legitimes Verfahren aus vorgefundenen Teilen ein Bild zusammenzukleben, zu collagieren, ohne Befürchtung, daß es darüber mechanistisch würde und den Urheber vergessen ließe.

Die Kubisten haben Papierfarbflächen in ihre Bildwerke collagiert, weil sie fanden, einen solchen Farbton, eine solche Flächigkeit mit dem Pinsel, mit Ölmalerei nicht hinbekommen zu können. Die Dadaisten in Zürich haben diese „zusammengeklebte,“ spielerische, heitere Bilderwelt als Gegenwelt verstanden zu der tierisch ernsten, menschenmordenden des ersten Weltkrieges und auch gegen die für sie „dumpfe“ und stumpfe klassisch-traditionelle Ölmalerei, diese Konventionen wollten sie hinweggefegt wissen, durch heiteres Spiel mit Schere, Kleister und Papier. Zu einer großen Delikatesse hat Kurt Schwitters in Hannover diese zusammengeklaubte, geklebte Bilderwelt aus Papier entwickelt — ich denke, nicht das Anekdotische ist da interessant, daß Schwitters alles aufgehoben, nichts fortgeworfen hat, sondern wie feine und „malerische“ Farbabstufungen er collagiert hat, unerreichbar in seiner Art gewiß. In den fünfziger Jahren gab es dann so etwas wie eine Gegenbewegung gegen das üppig voranschreitende Collagieren, in jedem Kunstunterricht, in jedem Kindergarten wurde nun schon mit Papier, Schere und Kleister eifrig und kunstgewerblich collagiert, den Künstlern muß es also befremdlich geworden sein, dass ihnen ihre Mittel auf solche Weise entwunden worden waren. Sie begannen mit dem Gegenteil: rissen von Plakatwänden Schichten ab, ließen andere stehen, kamen zu „reizvollen“ Ergebnissen. Unterdessen ist die Collage keine Modeerscheinung mehr, es ist ein Verfahren, welches neben allen anderen künstlerischen Möglichkeiten zur Verfügung steht und genutzt werden kann. Wie geht nun Martina Kügler damit um Martina hat Packpapiere, die ihr schönes Zeichenpapier umhüllten, aufgehoben und ähnlich argumentiert wie die Dadaisten, die meinten, solche Farbabstufungen fänden sie eben nicht unter ihren Farben in den Tuben und Kästen. Martina Küglers Papiere sind gerissen zu rechteckartigen Gebilden, zu runden Formen, nur selten wird daran herum geschnippelt, nur dann, wenn eine Form gebraucht wird, die reißend nicht hergestellt werden kann. Dann, so scheint mir, beginnt das Spiel, das Hin- und Herschieben der Formen, etwas dazulegen, etwas hinweg nehmen. Und wie ernst solche Spiele sein können und müssen, wissen wir von den Kindern, die sich ganz und gar noch da hinein vertiefen können (und natürlich die Künstler, die keine wären, wenn ihnen nicht immer noch eine Tür zur Kindheit offen stünde) — Kurt Schwitters hat in einem seiner schönen Briefe einmal geäußert, „Wir (also die Künstler) spielen, bis uns der Tod abholt,“ und hat damit gewiß auch geäußert, wie ernst die Kunstspiele sind und sein können. Ich finde, in den Collagen von Martina Kügler findet man das „Spiel“, das Suchen nach Balancen und Auflösungen, nach Zentren und Auseinanderstrebendem, von Gewichten und Leichtigkeiten, immer wieder, man ist mit einbezogen in dieses Spiel des Suchens und Findens, und das eben macht die Collagen so bemerkenswert, leicht, heiter und „schön“. Nun gibt es aber auch Collagen bei Martina Kügler, und das wird wohl die Mehrzahl sein, in die noch hinein gezeichnet worden ist — Martina Kügler ist ja eine eminente Zeichnerin —‚ hier werden dann die collagierten Teile Teile der Zeichnung, da dominiert das „Gezeichnete“, müssen sich die „Farbflecken“ unterordnen, die collagierte Zeichnung aber gewinnt dadurch an „Weite“, es wird mehr als nur die pure Zeichnung sein kann.

Wenn ich nun versuche, mich umzuschauen, zu überlegen, was es an Collagen in der gegenwärtigen Kunst gibt, dann fällt mir nicht viel ein, das ist an den Fingern abzuzählen; und eine Einschätzung von Martina Küglers Arbeit darin hieße, die Collagen sind auf eine so einfache Weise raffiniert, oder auf eine so raffinierte Weise einfach, daß man das Glück dieser Heiterkeit, der Leichtigkeit, der Schwerelosigkeit darin gut rezipieren kann. Ich finde es richtig, dass diese Collagen mit einem Preis und einer Ausstellung ausgezeichnet worden sind.

                                                                                                                (1987)